Der Unterarmgips gehört zu den häufigsten Ruhigstellungen in Praxis und Notfall. Trotzdem entstehen gerade hier viele vermeidbare Fehler: zu lange Ränder, die die Fingerbeugung blockieren, Druckstellen über dem Ellenköpfchen oder ein zu enger Gips in der Schwellungsphase. Diese Anleitung zeigt den Ablauf Schritt für Schritt.
Wichtig: Die Gelenkstellung und die Art der Ruhigstellung richten sich immer nach der ärztlichen Verordnung und der Diagnose. Diese Anleitung beschreibt den allgemeinen Ablauf und ersetzt keine praktische Ausbildung.
Indikationen
- Stabile, nicht dislozierte Frakturen des distalen Radius (nach ärztlicher Beurteilung)
- Ruhigstellung nach Reposition oder postoperativ, wenn verordnet
- Schwere Distorsionen und Weichteilverletzungen des Handgelenks
- Bei Verdacht auf Kahnbeinfraktur je nach Verordnung mit oder ohne Daumeneinschluss – siehe Kahnbeinfraktur: Gips mit oder ohne Daumeneinschluss?
In der akuten Schwellungsphase ist oft eine Schiene sicherer als ein zirkulärer Gips – mehr dazu im Artikel Ödemmanagement: Schiene oder zirkulärer Gips?
Material
- Trikotschlauch in passender Breite
- Polsterwatte
- Gipsbinden (Mineralgips) oder Kunststoffbinden – zur Wahl siehe Mineralgips vs. Kunststoffgips
- Wassereimer mit lauwarmem Wasser, Handschuhe, Schere
Die richtige Ausdehnung
- Proximal: etwa zwei bis drei Querfinger unterhalb der Ellenbeuge, damit der Ellbogen frei gebeugt werden kann.
- Distal dorsal: bis knapp vor die Fingergrundgelenke.
- Distal palmar: bis zur proximalen Hohlhandfalte – so bleibt die Beugung der Fingergrundgelenke frei.
- Daumen: frei beweglich, sofern kein Daumeneinschluss verordnet ist.
Schritt für Schritt
- Vorbereiten und dokumentieren: Verordnung prüfen, Schmuck entfernen, Haut inspizieren und die Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS) vor dem Anlegen dokumentieren.
- Lagern: Patient sitzt, Ellbogen 90° gebeugt, Unterarm in Neutralstellung (Daumen zeigt nach oben), Handgelenk in der verordneten Stellung – ohne spezielle Vorgabe in leichter Dorsalextension.
- Trikotschlauch anlegen: Trikotschlauch faltenfrei mit Überlänge an beiden Enden anlegen und eine Öffnung für den Daumen schneiden.
- Polstern: Polsterwatte in zwei Lagen mit 50 % Überlappung wickeln; Knochenvorsprünge wie den Processus styloideus ulnae und die Daumenbasis zusätzlich polstern.
- Gipsbinden anlegen: Binden kurz eintauchen, leicht ausdrücken und ohne Zug mit halber Überlappung abrollen – vom Handgelenk nach proximal und distal.
- Ränder umschlagen: Vor der letzten Lage Trikotschlauch und Polsterung an beiden Enden umschlagen, damit glatte, weiche Ränder entstehen.
- Modellieren: Mit den flachen Händen modellieren, nie mit den Fingerspitzen, und die Stellung halten, bis das Material abgebunden hat.
- Kontrollieren und instruieren: Freie Finger- und Daumenbeweglichkeit, freien Ellbogen und die DMS prüfen und dokumentieren; Patient über Hochlagerung und Warnzeichen instruieren.
Die häufigsten Fehler
- Palmarer Rand zu lang: blockiert die Beugung der Fingergrundgelenke und führt zu Steifigkeit.
- Modellieren mit den Fingerspitzen: erzeugt Dellen, die von innen auf die Haut drücken – siehe Druckgefährdete Stellen bei Gipsverbänden.
- Binden unter Zug gewickelt: schnürt ein, besonders wenn die Schwellung noch zunimmt.
- Zu wenig Polster über dem Ellenköpfchen: klassische Druckstelle am Unterarmgips.
- Fehlende Dokumentation: DMS vor und nach dem Anlegen immer festhalten.
Patienteninstruktion
Arm in den ersten Tagen hochlagern, Finger regelmässig bewegen, den Gips nicht nass machen und nichts in den Gips stecken. Bei zunehmenden Schmerzen, Taubheit, Kribbeln, blassen oder bläulichen Fingern oder einem Engegefühl muss der Patient sich sofort melden – der Gips wird dann gespalten oder entfernt. Weitere Tipps im Patientenratgeber: Leben mit Gips.
Praxistipp: Bitten Sie den Patienten nach dem Abbinden, eine Faust zu machen und den Daumen zum Kleinfinger zu führen. Gelingt beides ohne Anstossen am Gipsrand, stimmt die distale Ausdehnung.