Ein korrekt angelegter Gipsverband stabilisiert – ein falsch gepolsterter kann Schaden anrichten. Die meisten Druckschäden entstehen nicht durch das Material selbst, sondern durch mangelnde Polsterung an Stellen, an denen Knochen dicht unter der Haut liegen.
Warum diese Stellen besonders gefährdet sind
An Knochenvorsprüngen liegt kaum schützendes Weichteilgewebe zwischen Haut und Gips. Wird an diesen Stellen ungleichmässig oder zu dünn gepolstert, konzentriert sich der Druck genau dort – mit dem Risiko von Drucknekrosen, Nervenkompressionen oder, in ausgeprägten Fällen, Kompartmentsyndrom bei zirkulären Gipsen.
Kritische Stellen an der oberen Extremität
- Processus styloideus ulnae/radii – die Knochenvorsprünge am Handgelenk, häufigste Stelle für Druckstellen bei Unterarmgipsen
- Olekranon – die Ellenbogenspitze, besonders bei Oberarmgipsen relevant
- Daumensattelgelenk – bei Gipsschienen mit Daumeneinschluss (z. B. Kahnbeingips)
- Epicondylus medialis/lateralis – hier verläuft zudem der Nervus ulnaris, entsprechend hoch ist das Risiko bei zu engem Verband
Kritische Stellen an der unteren Extremität
- Malleolus medialis/lateralis – die Knöchel, die klassische Problemzone bei Unterschenkelgipsen
- Ferse (Kalkaneus) – besonders bei liegenden Patienten und längerer Tragedauer
- Fibulaköpfchen – hier liegt der Nervus peroneus fast direkt unter der Haut; zu starker Druck kann zu einer Fussheberschwäche führen
- Tibiakante – verläuft nahezu ohne Weichteilpolster direkt unter der Haut
Präventive Grundprinzipien
Ein paar feste Handgriffe verhindern die meisten Komplikationen zuverlässig:
- Immer mit Trikotschlauch (Stockinette) beginnen, faltenfrei anlegen
- Zusätzliche Polsterlage exakt über jeder Knochenprominenz, nicht nur zirkulär gleichmässig
- Beim Wickeln keinen Zug auf die Polsterbinde geben – Zug entsteht sonst genau über den Prominenzen
- In der akuten Schwellphase eher spalten (gespaltener Gips) als zirkulär schliessen
- Gips nie über Windeln, Schmuck oder Falten in der Unterlage anlegen
Warnzeichen, auf die während der Nachkontrolle zu achten ist: Schmerz, der nicht zur Verletzung passt, Kribbeln oder Taubheit, kühle oder blasse Zehen/Finger, sowie ein spannungsartiges Engegefühl. Jedes dieser Zeichen ist ein Grund, den Gips umgehend zu lockern oder zu spalten.
Warum das in unseren Kursen im Zentrum steht
Die Technik lässt sich lesen – das Gefühl für die richtige Polsterspannung nicht. Genau deshalb arbeiten wir in den Kursen "Obere Extremitäten" und "Untere Extremitäten" praktisch an Modellen: Sie sehen und spüren direkt, wie viel Polsterung an welcher Stelle tatsächlich nötig ist.