Kahnbeinfraktur: Gips mit oder ohne Daumeneinschluss?

Von Fer Jadlaoui – Cast Expert


Die Fraktur des Os scaphoideum ist die häufigste Fraktur der Handwurzelknochen. Bei der konservativen Therapie diskutieren Traumatologen und Handchirurgen seit Jahrzehnten dieselbe zentrale Frage: Muss der Daumen mit eingegipst werden oder reicht ein reiner Unterarmgips?

Die biomechanische Ausgangslage

Das Kahnbein fungiert als bewegliche Brücke zwischen der proximalen und distalen Handwurzelreihe. Aufgrund der retrograden Durchblutung von distal nach proximal besteht im mittleren Drittel (Taille) und vor allem am proximalen Pol ein erhöhtes Risiko für Pseudarthrosen und avaskuläre Nekrosen.

Klassisches Dogma: Die Daumeneinschluss-Ruhigstellung

Traditionell wurde gelehrt, dass Bewegungen des Daumens Scherkräfte über die Sehnen der Tabatière anatomique auf das Kahnbein übertragen:

Die moderne Studienlage: Reiner Unterarmgips

Zahlreiche biomechanische Untersuchungen und randomisierte klinische Studien haben das klassische Dogma relativiert:

Empfehlungen für die klinische Praxis

  1. Stabile, undislozierte Frakturen: Nach präziser Schnittbilddiagnostik ist ein funktioneller Unterarm-Combicast-Verband ohne Daumeneinschluss heute ein sicheres und patientenschonendes Verfahren.
  2. Verdachtsfrakturen in der Akutphase: Bei unklaren Schmerzen in der Tabatière nach Sturz empfiehlt sich initial eine dorsoradiale Schiene mit Daumeneinschluss bis zur definitiven radiologischen Re-Evaluation nach 10 bis 14 Tagen.

Praxistipp zur Modellierung: Bei Einschluss des Daumens darf dieser keinesfalls in Überstreckung fixiert werden. Die Hand gehört in funktionelle Intrinsic-Plus- bzw. Schreibfederhaltung, um Gelenksteifen vorzubeugen.

Vom Wissen zur sicheren Praxis

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Fer Jadlaoui

Fer Jadlaoui

Experte für Gips- & Immobilisationstechnik

Mit über 35 Jahren klinischer Erfahrung im Spitalalltag in der Schweiz schult er Ärzte, Pflegefachpersonen und MPA in praxisnahen Gips- und Schienentechniken sowie in der gezielten Komplikationsprävention.

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