Die Fraktur des Os scaphoideum ist die häufigste Fraktur der Handwurzelknochen. Bei der konservativen Therapie diskutieren Traumatologen und Handchirurgen seit Jahrzehnten dieselbe zentrale Frage: Muss der Daumen mit eingegipst werden oder reicht ein reiner Unterarmgips?
Die biomechanische Ausgangslage
Das Kahnbein fungiert als bewegliche Brücke zwischen der proximalen und distalen Handwurzelreihe. Aufgrund der retrograden Durchblutung von distal nach proximal besteht im mittleren Drittel (Taille) und vor allem am proximalen Pol ein erhöhtes Risiko für Pseudarthrosen und avaskuläre Nekrosen.
Klassisches Dogma: Die Daumeneinschluss-Ruhigstellung
Traditionell wurde gelehrt, dass Bewegungen des Daumens Scherkräfte über die Sehnen der Tabatière anatomique auf das Kahnbein übertragen:
- Umfang der Ruhigstellung: Unterarmgips unter Einschluss des Daumengrundgelenks, meist mit freiem Endglied (Spica-Gips).
- Ziel: Neutralisation der Abduktions- und Oppositionskräfte des Daumens.
- Nachteil: Deutliche Einschränkung der Handfunktion im Alltag und verzögerte Wiedererlangung der Daumenbeweglichkeit nach Gipsabnahme.
Die moderne Studienlage: Reiner Unterarmgips
Zahlreiche biomechanische Untersuchungen und randomisierte klinische Studien haben das klassische Dogma relativiert:
- Vergleichbare Konsolidierungsraten: Bei nicht dislozierten A2- und B2-Frakturen nach Herbert zeigen Unterarmgipse ohne Daumeneinschluss identische Heilungszeiten und Pseudarthroseraten wie Verbände mit Daumeneinschluss.
- Bessere Compliance: Der Erhalt der Oppositionsfähigkeit von Daumen und Zeigefinger erlaubt leichtere Alltagstätigkeiten, reduziert Krankenstandszeiten und beugt Muskelatrophien vor.
- Voraussetzung: Absolute Stabilität des Frakturgefüges (nachgewiesen durch Schichtbildgebung wie CT oder MRT).
Empfehlungen für die klinische Praxis
- Stabile, undislozierte Frakturen: Nach präziser Schnittbilddiagnostik ist ein funktioneller Unterarm-Combicast-Verband ohne Daumeneinschluss heute ein sicheres und patientenschonendes Verfahren.
- Verdachtsfrakturen in der Akutphase: Bei unklaren Schmerzen in der Tabatière nach Sturz empfiehlt sich initial eine dorsoradiale Schiene mit Daumeneinschluss bis zur definitiven radiologischen Re-Evaluation nach 10 bis 14 Tagen.
Praxistipp zur Modellierung: Bei Einschluss des Daumens darf dieser keinesfalls in Überstreckung fixiert werden. Die Hand gehört in funktionelle Intrinsic-Plus- bzw. Schreibfederhaltung, um Gelenksteifen vorzubeugen.