Bevor ein Gelenk in eine Schiene oder einen Gips gelegt wird, muss klar sein, in welcher Stellung. Die Neutral-Null-Methode ist der internationale Standard, um Gelenkstellungen eindeutig zu messen und zu dokumentieren – und damit auch die Grundlage jeder korrekten Gipsanlage.
Das Prinzip
Ausgangspunkt ist die anatomische Neutralstellung des Körpers: aufrechter Stand, Arme locker am Körper, Handflächen nach vorne. In dieser Haltung erhält jedes Gelenk den Wert 0°. Jede Bewegung aus dieser Neutralstellung heraus wird in zwei entgegengesetzte Richtungen gemessen, zum Beispiel Extension und Flexion, oder Ab- und Adduktion.
Die Drei-Zahlen-Schreibweise
Dokumentiert wird ein Gelenk immer mit drei Werten in der Reihenfolge Bewegungsrichtung A – Neutral-Null – Bewegungsrichtung B. Ein Beispiel für das obere Sprunggelenk:
Dorsalextension/Plantarflexion: 20 – 0 – 40
Das Sprunggelenk lässt sich 20° in Richtung Fussrücken (dorsalextendieren) und 40° in Richtung Fusssohle (plantarflektieren) bewegen, mit der Neutralstellung dazwischen.
Kann die Neutralstellung selbst nicht erreicht werden – etwa bei einer Kontraktur –, verschiebt sich die 0 aus der Mitte, zum Beispiel 20 – 20 – 0. Genau dieser Verschiebung kommt in der Befundung eine hohe Aussagekraft zu.
Warum das für die Gipsanlage entscheidend ist
Die Stellung, in der ein Gelenk ruhiggestellt wird, beeinflusst direkt die Funktion nach der Heilung. Einige Richtwerte, wie sie in der Praxis verbreitet sind:
- Handgelenk: meist leichte Dorsalextension (ca. 20–30°) für eine funktionsgünstige Ausgangsstellung
- Ellenbogen: häufig rund 90° Flexion bei Unterarm- bzw. Oberarmgipsen
- Oberes Sprunggelenk: in der Regel Neutralstellung (90° zum Unterschenkel), um eine Spitzfusskontraktur zu vermeiden
- Finger (bei Handimmobilisation): Intrinsic-Plus-Stellung – Grundgelenke gebeugt, Mittel- und Endgelenke gestreckt, um Gelenksteifigkeit vorzubeugen
Diese Werte sind Orientierung, keine starre Regel – die tatsächliche Stellung richtet sich immer nach Verletzungsmuster und ärztlicher Anordnung.
Ein gemeinsames Vokabular
Der eigentliche Wert der Methode liegt in der Verständigung: Wenn Ärztin, Pflegepersonal und MPA dieselbe Systematik verwenden, ist ein Befund wie "Ellenbogen 0 – 30 – 130" für jede Fachperson sofort eindeutig – unabhängig davon, wer ihn erhoben hat.
In den Kursen
Im Kurs "Die Schienen" üben wir das Messen und Dokumentieren nach Neutral-Null direkt am Modell, bevor die passende Schiene ausgewählt und angelegt wird – denn eine korrekt gewählte Winkelstellung entscheidet oft darüber, ob eine Immobilisation langfristig gut vertragen wird.