Die distale Radiusfraktur loco typico (Colles-Fraktur) ist die häufigste Fraktur des menschlichen Skeletts. Bei der konservativen Behandlung entscheidet nicht nur das Repositionsmanöver, sondern vor allem die korrekte dreidimensionale Gipsmodellierung über die langfristige Handgelenksfunktion.
Typisches Deformitätsmuster
Der klassische Sturz auf die dorsalextedierte Hand führt zu einer charakteristischen Dislokation des peripheren Radiusfragments (Fourchette- oder Bajonett-Fehlstellung):
- Dorsalkippung: Verlust der physiologischen Palmarinklination der radiusgelenkbasierten Gelenkfläche (normal 10° bis 15° nach palmar).
- Radiale Verkürzung: Einstauchung des Radius gegenüber der Ulna mit Risiko für ulnokarpale Impaktionssyndrome.
- Supinationsfehlstellung: Verdrehung des Fragments nach aussen.
Prinzipien des Repositionsmanövers
Eine schmerzfreie und gewebeschonende Reposition setzt eine adäquate Anästhesie (Bruchspaltanästhesie oder Plexusanästhesie) sowie kontinuierlichen Längszug voraus:
- Aushängen im Mädchenfänger (Extension): Sukzessiver Zug über Zeige- und Mittelfinger unter Gegengewicht am Oberarm stellt die Knochenlänge wieder her und entspannt den Weichteilmantel.
- Gezielte Dreipunkt-Manipulation: Manueller Daumendruck direkt auf das dorsale Fragment nach palmar bei gleichzeitigem Gegenzug an der Schaftdiaphyse.
Modellierung des Gipsverbandes
Das veraltete Konzept der extremen Palmarflexion und Ulnardeviation (sogenannte Cotton-Loder-Stellung) ist heute obsolet, da es den Druck im Karpalkanal massiv erhöht und Medianuskompressionen provoziert:
- Moderne Funktionsstellung: Leichte Beugung im Handgelenk (maximal 10° bis 15° Palmarflexion) bei neutraler oder minimaler Ulnarabduktion.
- Dorsale Dreipunkt-Abstützung: Exakte Ausformung der palmaren Querwölbung und dorsale Abstützung proximal des Bruchspalts, um ein sekundäres Nachsinken zu blockieren.
- Freie Fingergrundgelenke: Die Palmarfalte muss vollständig freibleiben, damit eine 90°-Beugung in den Fingergrundgelenken uneingeschränkt möglich bleibt.
Klinische Verlaufskontrolle: Jede reponierte Radiusfraktur erfordert eine radiologische Röntgenkontrolle nach 4 bis 7 Tagen. In diesem Intervall lässt die posttraumatische Schwellung nach und das Dislokationsrisiko im lockerer werdenden Verband ist am höchsten.